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Keine Arzneimittel-Haftung der Bayer Vital GmbH wegen „Yasminelle“

Veröffentlicht am 27.12.2018

Das  Arzneimittel "Yasminelle" mit dem Anwendungsgebiet "Schwangerschaftsverhütung" wird kontrovers diskutiert in Bezug auf mögliche Nebenwirkungen. Das Landgericht Waldshut-Tiengen musste darüber entscheiden, ob eine Lungenembolie eine auf das Verhütungsmittel "Yasminelle" rückführbare Nebenwirkung darstellt.

 

In der PM vom 20.12.2018 teilt das Landgericht Folgendes mit:

Die 1. Zivilkammer des Landgerichts Waldshut-Tiengen hat in der am 20.12.2018 verkündeten Entscheidung die Schadenersatzklage gegen die Bayer Vital GmbH vollumfänglich abgewiesen.

Die Klägerin erlitt im Juli 2009 eine beidseitige Lungenembolie sowie einen Kreislaufzusammenbruch mit Herzstillstand und macht dafür das von der Beklagten in Verkehr gebrachte Verhüttungsmittel „Yasminelle“ mit dem Wirkstoff Drospirenon verantwortlich, mit dessen Einnahme sie auf ärztliche Verordnung im Oktober 2008 begonnen hatte. Erste Beschwerden – wie etwa schnelle Erschöpfung und teilweise Atemnot - traten bereits Ende März 2009 auf, kurz nachdem die Klägerin von einer dreiwöchigen Thailandflugreise zurückgekehrt war.

Die Kammer hat eine Haftung der Beklagten für die Gesundheitsschäden der Klägerin abgelehnt. Jede der in Betracht gezogenen Anspruchsgrundlagen (§ 84 AMG, § 823 BGB) setzt voraus, dass die Gesundheitsschäden zumindest auch durch die Einnahme der Pille

„Yasminelle“ verursacht worden sind. Der Beweis dieser Ursächlichkeit, den die Klägerin führen muss, ist nicht gelungen. Der Kammer verblieben Zweifel, weil mit der Langstreckenflugreise, die die Klägerin in zeitlicher Nähe zu den ersten Beschwerden unternommen hatte, eine alternative Ursache im Raum stand, die gleichermaßen mit dem Risiko einer Thrombose behaftet ist, wie die Einnahme des Arzneimittels „Yasminelle“. Überdies kann auch die Venenanomalie in Form einer doppelten unteren Hohlvene, die der Klägerin angeboren ist, gerade in Verbindung mit der Flugreise zu den Thromben in beiden Lungenflügeln geführt haben und zwar unabhängig von der Einnahme der Pille.

 Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Die Klägerin kann gegen dieses Urteil Berufung zum Oberlandesgericht Karlsruhe einlegen.

 

Kommentar

 In Fällen möglicher Nebenwirkungen von Arzneimitteln sollte ein medizinrechtlich versierter Rechtsanwalt aufgesucht werden. Dies gilt gleichermaßen für Arzthaftungsfälle als auch für Klagen gegen Hersteller.

 

Dr. Tim Oehler, Fachanwalt für Medizinrecht

 

 

Wesentliche Norm

 

§ 84 AMG

 

Gefährdungshaftung

 

(1) 1Wird infolge der Anwendung eines zum Gebrauch bei Menschen bestimmten Arzneimittels, das im Geltungsbereich dieses Gesetzes an den Verbraucher abgegeben wurde und der Pflicht zur Zulassung unterliegt oder durch Rechtsverordnung von der Zulassung befreit worden ist, ein Mensch getötet oder der Körper oder die Gesundheit eines Menschen nicht unerheblich verletzt, so ist der pharmazeutische Unternehmer, der das Arzneimittel im Geltungsbereich dieses Gesetzes in den Verkehr gebracht hat, verpflichtet, dem Verletzten den daraus entstandenen Schaden zu ersetzen. 2Die Ersatzpflicht besteht nur, wenn

 

 

 

1.            das Arzneimittel bei bestimmungsgemäßem Gebrauch schädliche Wirkungen hat, die über ein nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft vertretbares Maß hinausgehen oder

 

2.            der Schaden infolge einer nicht den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft entsprechenden Kennzeichnung, Fachinformation oder Gebrauchsinformation eingetreten ist.

 

(2) 1Ist das angewendete Arzneimittel nach den Gegebenheiten des Einzelfalls geeignet, den Schaden zu verursachen, so wird vermutet, dass der Schaden durch dieses Arzneimittel verursacht ist. 2Die Eignung im Einzelfall beurteilt sich nach der Zusammensetzung und der Dosierung des angewendeten Arzneimittels, nach der Art und Dauer seiner bestimmungsgemäßen Anwendung, nach dem zeitlichen Zusammenhang mit dem Schadenseintritt, nach dem Schadensbild und dem gesundheitlichen Zustand des Geschädigten im Zeitpunkt der Anwendung sowie allen sonstigen Gegebenheiten, die im Einzelfall für oder gegen die Schadensverursachung sprechen. 3Die Vermutung gilt nicht, wenn ein anderer Umstand nach den Gegebenheiten des Einzelfalls geeignet ist, den Schaden zu verursachen. 4Ein anderer Umstand liegt nicht in der Anwendung weiterer Arzneimittel, die nach den Gegebenheiten des Einzelfalls geeignet sind, den Schaden zu verursachen, es sei denn, dass wegen der Anwendung dieser Arzneimittel Ansprüche nach dieser Vorschrift aus anderen Gründen als der fehlenden Ursächlichkeit für den Schaden nicht gegeben sind.

 

(3) Die Ersatzpflicht des pharmazeutischen Unternehmers nach Absatz 1 Satz 2 Nr. 1 ist ausgeschlossen, wenn nach den Umständen davon auszugehen ist, dass die schädlichen Wirkungen des Arzneimittels ihre Ursache nicht im Bereich der Entwicklung und Herstellung haben.